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Erklärungsansätze für paranormale Überzeugungen:
Warum glauben Leute "so etwas"?

Termin: 25. Juli 2000

Referentin: Bianka Weschke, Diplom-Psychologin.

 

 

Kurze Zusammenfassung des Vortrags

Bianka Weschke, die eine Diplomarbeit zum Thema "Erklärungsansätze für den Glauben an paranormale und esoterische Überzeugungen" am Lehrstuhl Psychologie I der Uni Bamberg abgegeben hatte, berichtete kurz von ihren Ergebnissen. Anschließend bestand die Möglichkeit zur Diskussion bzw. zum Nachfragen.

 

 

Zusammenfassung der Diplomarbeit

Ansätze, die die Entstehung paranormaler und esoterischer Überzeugungen erklären

Ansätze zur Entstehung esoterischer und paranormaler Überzeugungen setzen sich mit Prozessen der Informationsaufnahme auseinander, die dazu führen, dass man eine neue Sicht von bestimmten Sachverhalten entwickelt. Zwei Wege sind möglich: subjektive Eigenerfahrung (d.h. der Betreffende erfährt durch sein Verhalten selbst bestimmte Sachverhalte) und Informationsvermittlung über kommunikative Prozesse, wobei unsere Mitmenschen und die Massenmedien eine entscheidende Rolle spielen. Bei den Ansätzen, die die subjektive Eigenerfahrung bei der Entstehung abergläubiger, paranormaler und esoterischer Überzeugungen betonen, sind vor allem Ansätze zur Wahrnehmungstäuschung, zur Rolle veränderter Bewusstseinszustände und der Überbewertung zufälliger Koinzidenzen zu nennen.

Paranormale Überzeugungen, die aus Wahrnehmungstäuschungen heraus entstanden sind

Unsere Wahrnehmung ist in starkem Maße von individuumsbezogenen Merkmalen (Vorerfahrung/-wissen, Erwartungen) abhängig. Die Eindrücke, die wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen, sind keine 1:1-Abbildung der externen Reizumwelt, sondern stark durch unsere Erwartungen und unser Vorwissen bestimmt. Nicht selten verschmilzt die Erwartung mit dem Wahrnehmungsgegenstand, wodurch es zu Wahrnehmungstäuschungen (Illusionen) kommt. Es ist anzunehmen, dass verschiedene subjektiv paranormale Eigenerlebnisse - wie UFO-Sichtungen, Geisterscheinungen, diverse spiritistische Phänomene (schwebende Gegenstände, Tonbandstimmen, raps, ...), sowie die Sichtung von außergewöhnlichen Lebensformen (Nessi, Yeti, ...) - das Ergebnis von Illusionen oder Halluzinationen sind. Illusionen werden (wie bereits erwähnt) in der Regel durch eine starke Erwartungshaltung beim Individuum hervorgerufen, wobei suggestive Prozesse (Fremd- oder Eigensuggestion) eine bedeutende Rolle spielen. Starke Erwartungshaltungen können bedingen, dass der Betreffende das vorliegende Ereignis im Lichte der Erwartung wahrnimmt und interpretiert (damit eventuell verkennt). Verstärkend wirken sich selektive Vergessensprozesse aus. Hat man ein Ereignis in eine bestimmte Kategorie eingeordnet (verbales Label), werden leicht die Merkmale vergessen, die mit der Kategorie inkonsistent sind. Externe Faktoren des Wahrnehmungsprozesses, wie schlechte Sichtverhältnisse (Dunkelheit, große Entfernung des Wahrnehmungsgegenstandes), und Faktoren auf Seiten des Individuums, wie Ermüdung, geringe Konzentration/Aufmerksamkeit oder eine starke Erwartungshaltung, und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie hohe Suggestibilität, eine starke Autoritätshörigkeit (verbunden mit stärkerer sozialer Beeinflussbarkeit), eine geringe Ambiguitätstoleranz, die Neigung, vorschnell etwas in Situationen hineinzuinterpretieren, und eine stark ausgeprägte visuelle Vorstellungskraft wirken sich positiv auf das Entstehen von Illusionen aus.

Paranormale und esoterische Überzeugungen als Ergebnis veränderter Bewusstseinszustände

Viele Vertreter paranormaler und esoterischer Anschauungen sehen veränderte Bewusstseinszustände als "Zugangstor" für das Erleben außergewöhnlicher Erfahrungen, die wiederum bestimmte paranormale Überzeugungen (z.B. Reinkarnationshypothese) stützen sollen. Oft fehlen dabei Hinweise auf stattfindende physiologische Veränderungen, die selbige Eindrücke auf natürlichem Weg erklären. Neurologen haben in den letzten beiden Jahrzehnten besonders die Bedeutung instabiler Temporallappenaktivität bei der Entstehung veränderter Bewusstseinszustände hervorgehoben. Die Häufigkeit, in der Menschen ohne eigenes Zutun veränderte Bewusstseinszustände erleben, scheint dabei von der genetisch bedingten Disposition zur Instabilität der Temporallappenaktivität abhängig zu sein. Das Kontinuum kann dabei von relativ stabiler Temporallappenaktivität über geringe, kaum merkliche Ausprägung von Temporallappeninstabilität bis hin zum Auftreten epileptischer Anfälle reichen. Neben diesen genetischen Faktoren spielen biochemische Faktoren, wie Sauerstoff- oder Vitamin B-Mangel (z.B. durch eine Krankheit oder einen Unfall) eine Rolle. Eine aktive, bewusst herbeigeführte Veränderung der Temporallappenaktivität ist durch bewusstseinsverändernde Techniken wie Meditation, Hypnose, Hyperventilation oder die Einnahme psychotroper Substanzen möglich. Besonders bei der Meditation spielt dabei die Fähigkeit, sich auf interne Veränderungen und Vorstellungsbilder (verbunden mit der Fähigkeit zu phantasieren) konzentrieren zu können, eine entscheidende Rolle. Gesteigerte Temporallappenaktivität kann über ein gesteigertes Gefühl der Vertrautheit und Bedeutungshaftigkeit zu déjà-vu-Erlebnissen, sowie zu außerkörperlichen Erfahrungen, Nahtoderlebnissen und einem Schwinden der Ich-Grenze führen. Nahtod-Erlebnisse und außerkörperliche Erfahrungen werden von vielen ohne Berücksichtigung alternativer Erklärungsmöglichkeiten als Beweis für die Reinkarnationshypothese gedeutet. Das Schwinden der Ich-Grenze durch meditative Praktiken dient Vertretern esoterischer Überzeugungen zum Erleben und Veranschaulichen eines "kosmischen Bewusstseins".

Urteilsverzerrungen durch das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Kontrollierbarkeit

Sind bedeutsame Lebensbereiche subjektiv unkontrollierbar (Verlust der Arbeit, Abweisung durch einen geliebten Menschen, finanzielle Engpässe,...), kann ein Gefühl der Hilflosigkeit entstehen, das als sehr unangenehm empfunden wird und zur Behebung des Zustandes drängt. Neben dem Rückgriff auf adäquate Problemlösetechniken kann es zur Hinwendung zu verschiedenen magisch-abergläubigen Praktiken, dem Gang zum Astrologen oder Wahrsager kommen. Das vermittelte Handlungswissen kann das subjektive Gefühl der Vorhersehbarkeit und Kontrollierbarkeit steigern, auch wenn es illusionär ist. Das Bedürfnis nach Bestimmtheit hat großen Einfluss auf unsere Informationsverarbeitung. Um ein Gefühl von Kontrolle (das sehr wichtig für unser psychisches Wohlbefinden ist) aufrechtzuhalten, werden oft zufällige Prozesse verneint und mehr in Situationen hineininterpretiert, als objektiv gegeben ist. Nicht selten kommt es dadurch zu einer Überbewertung zufälliger Koinzidenzen (z.B. zufällige Ähnlichkeit eines bestimmten Ereignisses mit einem früheren Traum), was dann möglicherweise zum Glauben an prophetische Träume, astrologische Zukunftsvorhersagen und andere mysteriöse Prophezeiungen führt. Unterstützt wird dieser Prozess durch selektive Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Vergessensprozesse sowie durch den eventuell einsetzenden Mechanismus der "sich-selbst-erfüllenden" Prophezeiung. Als Persönlichkeitsmerkmal, das diese Neigung unterstützt, ist eine geringe Ambiguitätstoleranz (welche in etwa mit dem individuellen Bedürfnis nach Bestimmtheit gleichzusetzen ist) zu nennen.

Die Rolle kommunikativer Prozesse bei der Entstehung paranormaler und esoterischer Überzeugungen

Neben der subjektiven Eigenerfahrung spielt die kommunikative Informationsvermittlung bei der Entstehung verschiedener Überzeugungen eine entscheidende Rolle. Gespräche mit Eltern, Freunden, Klassenkameraden und anderen Mitmenschen, sowie Berichte über angeblich paranormale Erscheinungen aus den Medien regen zur Beschäftigung mit der Thematik an. Ausschlaggebend für die Bewertung und den Einfluss fremder Meinungen sind die dem Kommunikator zugeschriebene Kompetenz und Faktoren wie Sympathie und Vertrauen. Zu Verzerrungen kommt es unter anderem dadurch, dass eindrucksvollen, persönlichen Einzelerlebnissen mehr Bedeutung geschenkt wird, als ihnen objektiv zukommt. Nicht selten werden diese Erlebnisse stark vereinfacht wiedergegeben, wobei kritische Momente, die eventuell Hinweis auf alternative Erklärungsmöglichkeiten geben könnten, ungenannt bleiben. Vor allem die Massenmedien führen durch ihre sehr einseitige Darstellung paranormaler und esoterischer Inhalte zu Urteilsverzerrungen. Mystische Phänomene bringen aufgrund ihres Sensationswertes hohe Einschaltquoten und werden deshalb besonders gern gesendet. Nicht selten geschieht dies (vor allem bei Privatsendern) in einem dokumentationsartigen Stil, der bei den Zuschauern den Eindruck erweckt, es handle sich um Fakten. Der Verweis auf kritische Aspekte und Alternativerklärungen fehlt dagegen oft. Diese Art der Präsentation kann beim Zuschauer den Glaube an esoterische und paranormale Überzeugungen stärken, da bei vielen die Auffassung vorherrscht, dass die Medien so etwas nicht bringen würden, wenn nicht ein Fünktchen Wahrheit dahinterstecken würde. Es ist zu vermuten, dass Individuen, die ein geringeres Selbstvertrauen haben, stärker von der Akzeptanz anderer abhängig sind und stärker auf Autoritäten hören, eher durch fremde Meinungen beeinflusst werden. Positiv bei der effektiven Bewertung von Informationen dürften sich hingegen kritisches Denkvermögen und in begrenztem Maß Kenntnisse zur wissenschaftlichen Hypothesentestung auswirken.

Ansätze, die die Aufrechterhaltung paranormaler und esoterischer Überzeugungen erklären

Dissonanztheoretische Überlegungen

Damit ein Individuum bestimmte Glaubensinhalte und damit verbundene Verhaltensweisen beibehält, muss durch diese ein subjektiver Gewinn (Bedürfnisbefriedigung) erfolgen. Im Falle der paranormalen und esoterischen Überzeugungen könnte dies beispielsweise die Vermittlung sicherheitsspendender Erklärungen sein. Wie vielfach erwähnt wurde, haben Menschen ein starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Kontrollierbarkeit. Feste Wissensbestände, die unter anderem Vermutungen über Zusammenhänge zwischen Variablen enthalten, sollen Ereignisse vorhersehbar und das eigene Verhalten planbar machen, damit man keine unangenehmen Überraschungen erlebt. Ansätze wie die Biorhythmustheorie, die dem Menschen kritische Tage aufzeigen und damit ein Gefühl der Kontrollierbarkeit verschaffen wollen, befriedigen dieses Bedürfnis nach Bestimmtheit und werden aus diesem Grund auch weniger kritisch auf ihre logische Stimmigkeit und empirische Fundierung hinterfragt. Eng im Zusammenhang mit diesen Überlegungen steht der dissonanztheoretische Ansatz. Die Konfrontation mit Informationen, die den eigenen Anschauungen widersprechen beziehungsweise diese widerlegen, scheint besonders bei Paragläubigen starke Dissonanz zu erzeugen (W.H. Jones & D.W. Russel, 1980). Um die alte Überzeugung nicht aufgeben (Verlust des subjektiven Gewinns, z.B. Gruppenzugehörigkeit) und sich nicht mit der eigenen Leichtgläubigkeit auseinandersetzen zu müssen, führt die entstandene Dissonanz nicht selten zur selektiven Informationsverarbeitung. Es werden bewusst Informationen gesucht, die die eigene Anschauung stützen (Versuch der Verifikation), Informationen jedoch gemieden, abgewertet oder vergessen, wenn sie der eigenen Anschauung widersprechen. Dissonanzreduzierend wirkt beispielsweise auch der Gedanke, dass viele andere ebenfalls an die entsprechenden Überzeugungen glauben. Als individuelle Disposition für die fehlende Fähigkeit, widerlegende Information adäquat zu verarbeiten, kann Dogmatismus, Konservatismus und eine geringe Ambiguitätstoleranz genannt werden.

Die Rolle sozialer Vergleichsprozesse

Die Akzeptanz der eigenen Anschauungen durch andere ist eine sehr wichtige aufrechterhaltende Bedingung. Das Eingebundensein in eine Gruppe "Gleichdenkender" vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit und verschafft den Betreffenden eine "soziale Identität". Man muss sich jedoch bewusst machen, dass dieser soziale Gewinn Einfluss auf unsere Informationsverarbeitung hat. Aus Angst, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, entsteht ein Druck zur Konformität mit der "Gruppenmeinung". Die Anschauungen der "Gegengruppen" werden oft von vornherein abgewertet und nicht in die Urteilsbildung mit einbezogen. Persönlichkeitsmerkmale, die derartige Tendenzen fördern, sind Dogmatismus und eine geringe Ambiguitätstoleranz. Im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach sozialer Verifikation (sozialem Vergleich) steht die Tendenz zur Plausibilität durch Anhäufung. Je öfter man positive, anscheinend verifizierende Berichte über einen bestimmten Sachverhalt hört, umso eher glaubt man an das entsprechende Phänomen (z.B. Geistheilungen auf den Philippinen oder angebliche UFO-Sichtungen). Bei diesem Prozess sind nicht nur unsere Mitmenschen beteiligt, sondern in besonders starkem Maße auch die Massenmedien.

 

 

Literatur zum Thema

  • Weschke, Bianka (2000): Erklärungsansätze für den Glauben an paranormale und esoterische Überzeugungen. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
 
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