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Der Druidenhain von Wohlmannsgesees: Eine keltische Kultstätte?

von Dipl.-Geol. Michael Link

Rechter Pfad

Gleich am Eingangsbereich des Haines sehen wir ein Schild vom Fränkischen Schweiz Verein, das einen Lageplan des Haines zeigt und verkündet:

 
"Das Institut für Geologie und Mineralogie der Universität Erlangen/Nürnberg, führte 1989 Untersuchungen durch (Neuvermessungen durch Dipl.-Geol. A. Baier und Dipl.-Geol. Th. Hochsieder, Nürnberg), welche vermuten lassen, dass verschiedene Steine von Menschen in ihre heutige Position gerückt worden sind."
 
Das ist ein sehr salomonischer Text, der durchaus bewusst in Abwägung zwischen der wissenschaftlichen Wahrheit und den Bedürfnissen des Tourismus gefunden wurde. In der Originalarbeit von Baier & Hochsieder liest sich das etwas anders:

"Aus dem im Druidenhain festgestellten Kluftsystemen fällt ein Gebilde aus drei senkrecht zueinander stehenden Felsrippen (in Form eines 'U') heraus, welches sich 10 m südöstlich des sogenannten 'Sternsteines' befindet. Hier wäre - ungeachtet der Ergebnisse der Bohrungen - die Möglichkeit einer anthropogenen Veränderung dieser Gesteinspartien gegeben."

Das bedeutet: Drei von knapp 100 Felsblöcken im eigentlichen Hain liegen nicht mehr im ursprünglichen geologischen Verband. Das stellt übrigens noch keinen Beweis eines menschlichen Eingriffes dar: Ebenso können diese Steine in der geologischen Entstehung des Druidenhaines durch natürliche Prozesse aus ihrer ursprünglichen Lage gebracht worden sein. Die drei Blöcke befinden sich in einer stark verwitterten Kluftzone und könnten z.B. Reste eines eingestürzten Höhlendaches darstellen.

In den Schriften, die den Hain als eine künstliche Kultanlage darstellen, werden übrigens genau diese drei einzigen Steine, die möglicherweise vielleicht doch von Menschenhand bewegt wurden, völlig ignoriert ...

Kommen wir nun ins Felsenlabyrinth, in das Innere des Druidenhaines. Ich habe hier noch Kopien des Lageplanes dabei, die gibt's kostenlos in der Tourist Information der Gemeinde Muggendorf.

 
Lageplan: Zum Vergrößern anklicken.

Wenn Sie unbedarft in dieser Tourist Information oder auch im Gasthaus von Wohlmannsgesees nach weiterer Literatur zum Hain fragen, wird man Ihnen ein Heftchen von Johanes Kaul verkaufen, der sich jahrzehntelang mit dem Druidenhain beschäftigt hat.

Dieses Heft ist sozusagen das Standardwerk über den Druidenhain. Die folgenden Beschreibungen und Interpretationen einzelner Monolithen sind sinngemäß dem Werk von Herrn Kaul entnommen.

Einzelnen Felsen wurden hier willkürlich Begriffe aus dem Dunstkreis der Kelten bzw. aus dem üblichen Inventar des Wald-und-Wiesen-Okkultismus zugeordnet, so gibt es einen "Schüsselstein" (2), einen "Taufstein" (4), ein "Grab" (6), einen angeblichen "Wackelstein" (13) und natürlich einen "Opferstein"; einen "Altar" braucht man selbstverständlich auch, einen "Sternstein" und das "Loch der Irminsul".

(Zum Vergrößern anklicken.)  
   
Johannes Kaul war übrigens kein Archäologe, Volkskundler oder Geologe, sondern ein Förster mit dem Spitznamen "Waldhannes". Die diversen Interpretationen zu den Felsen sind überwiegend auch nicht seiner Phantasie entsprungen, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen Monografien und Phantasien der früheren Druidenhain-Jünger. Kaul gibt bis auf wenige Einzelzitate keine Quellen an, überhaupt wird die historische Entwicklung des Druidenhain-Mythos von den Gläubigen gerne unterschlagen ...

Ach ja! - Wenn Sie mal nach Erlangen kommen - in die Wanderbuchabteilung von Palm & Enke - bekommen Sie das Heftlein dort ein Drittel billiger. Und wenn Sie sich für die wirklichen Kelten interessieren, nehmen Sie dort auch gleich den "Archäologischen Führer Oberfranken" von Herrn Abels mit.

Doch nun zu unseren dekorativen Felsen:

 
"Schüsselstein".

Der "Schüsselstein" ist einer der Lieblinge der Hainbesucher. Er ist relativ einfach zu finden (bei manchen anderen "Kultstellen" hat man da größere Probleme) und durch die zahlreichen "Schüsseln" sehr dekorativ.

Kaul zitiert eine Elisabeth Nay-Scheibler ("Gesichter der Steinzeit"), wonach diese Schüsseln bereits zur Zeit der Megalith-Kultur, wahrscheinlich schon vorher in der atlantischen Epoche angelegt worden sein sollen.

   

Tja, die "atlantische Epoche" in einem Geschichtsbuch oder einem archäologischen Fachbuch zu finden, ist nicht ganz so einfach. Meine bisher einzige Referenz ist die "Weltanschauung der Rosenkreuzer" des Mystikers Max Heindl.

Wer sich in der Vorexkursion bei der Espershöhle die Erosionsformen im Riffdolomit angesehen hat, dem werden diese "Schüssel"-Löcher gleich vertraut vorkommen: Solche Löcher findet man überall im Hain, mal dekorativ auf Felsblöcken, aber ebenso an allen möglichen Ecken und Enden verteilt. Auch überall sonst in der Fränkischen Schweiz wird man dort, wo Dolomitfelsen verwittern, derartige "Schüsseln" in reicher Auswahl antreffen. Nicht gefunden wurden jedoch bisher Meißelspuren, geometrische Cluster oder irgendwelche anderen Hinweise auf eine menschliche Beteiligung an der Entstehung dieser Löcher.

Von besonderer "kultischer" bzw. esoterischer Bedeutung sind die beiden südlichen Löcher. Kaul schreibt von einer "positiven Strahlung" der beiden. Ich traf bei zwei Gelegenheiten "Radiästheten" am Schüsselstein, die ich um eine "Mutung" dieser Löcher bat. Der eine sprach von einer positiv und einer negativ geladenen Schüssel. Der andere stellte nach dem Auspendeln fachmännisch fest, dass das Wasser in der größeren Schüssel zur Zeit "tot" sei ...

 
"Taufstein".

Der "Taufstein" ist eine kleine, senkrecht stehenden Felsplatte mit einem Loch in der Mitte. Die Namenszuweisung beruht auf der Vermutung, dass hier zu kultischen Zwecken neugeborene Kinder durch das Loch durchgeschoben worden wären.

Wer nun die geologische Entstehung des Schüsselsteins kennt, wird auch am "Taufstein" wenig kultisch-künstliches erkennen können: Wir sehen eine der im Dolomit häufigen (siehe Espershöhle, Schüsselstein) kugeligen Auswitterungen diesmal von der Seite. Da die Felsplatte relativ schmal ist, führt diese Hohlform zur Bildung eines Loches.

   

Im übrigen Hain finden wir an hunderten von Stellen an entsprechend dickeren Felsrippen identische Auswitterungen, die das reiche Inventar an "Nischen", "Sesseln" etc. formen.

Herr Kaul übt sich hier in seinem Werk an einer unfeinen Argumentationsweise, die Rhetoriker als "den Strohmann" kennen: Er legt einer skeptischen Stimme ein Stichwort so in den Mund, dass er sie gezielt und mühelos widerlegen kann. Obwohl dieses Stichwort für die Fachmeinung zum Loch im Fels nicht relevant und nicht repräsentativ ist, wird dem Leser so ein "Mehrwissen" über die "engstirnige Wissenschaft" hinaus suggeriert.

Nach Kaul sprach ein Prof. Peschek (gemeint ist - für diesen Hinweis danken wir Prof. Dr. Amei Lang, München - um den Honorarprofessor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Würzburg und Bodendenkmalpfleger in Oberfranken, Dr. Christian Pescheck) hier von einem "natürlichen Strudelloch". Kaul argumentiert ("Aber hier irrt die Wissenschaft!") anscheinend richtig, dass das Wasser im freien Gelände nach unten fließe, der Hain hier eben sei und das Loch für eine solche Entstehung daher zu hoch über dem Boden liege!

Ein Strudelloch sensu stricte ist es - da hat Herr Kaul Recht - natürlich nicht: Es ist die Standardhohlform der hiesigen Dolomitverwitterung, die wir überall im Hain finden und deren Entstehung aus den Materialeigenschaften des Dolomit herrührt.

 
"Grab".

Auch die Felsen des so genannten "Grabes" liegen noch im ursprünglichen geologischen Verband. Das Herauswittern einzelner Hauptklüfte präpariert einige längliche Felskörper heraus. Wer genau hinschaut, kann die Fortsetzung dieser Kluftschar im nordwestlichen Querriegel erkennen.

Und wer die hier angeblich weggeschlagenen Runen vermisst, wird im übrigen Hain ohne Mühe hunderte von Erosionsformen entdecken, die ein interpretationswütiger Laie als Runen, Hieroglyphen, Steinmetzzeichen, astronomische Peilmarken, Linear B oder atlantische Keilschrift erkennen kann.

   
Dass die Kollegen von der Esoterik sich bei der mittleren Felsrippe nicht einigen können, ob es sich um eine Grabplatte (also ursprünglich waagrecht) oder um einen Visierstein (mit Absicht exakt senkrecht ausgerichtet) handelt, bedarf keines weiteren Kommentars.

Die angeblichen unterirdischen Gänge wurden weder durch Nachgraben, Sondierungen oder geophysikalische Methoden belegt. Das ist natürlich bedauerlich. Gerade weil in diesem Bereich auf Grund der geologischen Situation tatsächlich solche Gänge zu erwarten sind - allerdings den Hauptkluftrichtungen folgend und nicht - wie postuliert - quer dazu.

 
"Wackelstein" und Stephan.

Ein "Wackelstein" ist ein isolierter Felsblock, der meist durch Erosionsprozesse allseitig freigestellt wurde und mit einem schmalen Bereich der Basis direkt unter seinem Schwerpunkt so aufliegt, dass er mit wenig Kraftaufwand hin- und hergekippt werden kann.

In diesem Sinne ist der Wackelstein des Druidenhains ein sehr lausiges Exemplar, da er schon früher nur mit Hilfe zahlreicher Helfer und eines Hebels ein klein wenig bewegt werden konnte.

Die hier erzählte Mähr von den telekinetisch begabten Jungpriestern, die den Felsen mit bloßer Geisteskraft bewegt haben sollen, beeindruckt natürlich sehr ... ist doch kein Mensch der Jetzt-Zeit in der Lage, auch nur ein Staubkorn mit derartigen Kräften zu bewegen ...

   
"Opferstein".

Ich hätte ja auch gerne gewusst, welche besonderen Fähigkeiten dieser Felsen ("Opferstein") zwischen Altar und Kanzel hat, aber diese sicher gut informierten Hainpilger suchten das Weite, ehe ich sie fragen konnte.

Schade. Hübscher Felsen, absolut kultige Form und einige Schüsseln. Naja, der Baum ist nicht richtig verknorzt - das führt natürlich zur Abwertung in der Druiden-Wertung!

   
Übrigens: Nach Meinung von Radiästheten (schreibt Herr Kaul) fallen in die beiden Hauptschüsseln kosmische Strahlen ein. Da dies bekanntlich auf die gesamte Erdoberfläche zutrifft, werden wir dem nicht widersprechen!
 
"Altar".

Die Verwachsungen im Übergangsbereich Stamm - Wurzeln werden den Leichtgläubigen gerne als Beweis für Erdstrahlen verkauft: Demnach soll der Baum auf dem Kreuzungspunkt zweier "Wasseradern" stehen.

Wer ein klein wenig mit Pflanzenkunde vertraut ist, hat hierfür nur ein müdes Lächeln übrig: Das Bäumchen hatte das Pech, nicht im Witterungsschutz des Waldbodens auszukeimen, sondern in einer Ritze mitten auf den exponierten Felsen. Das bedeutet nicht nur eine problematische Versorgung mit Wasser und Nährsalzen (besonders in den ersten Lebensjahren), sondern auch einen schonungslosen Angriff von Frost und Wind in der bei allen solchen Pflanzen sehr empfindlichen Übergangszone zwischen Stammbasis und Wurzelwerk.

Wie bei Bäumen üblich, versuchte sich die Pflanze durch intensive Borkenbildung zu schützen, was zur Ausbildung dieser dekorativen Wülste führte. Wer ein wenig Baumkunde im Hain betreibt, wird feststellen, dass Laubbäume in dieser Situation knapp an der Grenze des Überlebens agieren, während die wesentlich genügsameren Nadelbäume mit solchen Schwierigkeiten einfacher zurechtkommen.

   

Die Kulturgeschichte der Pflanzenhege kennt übrigens seit 700 Jahren den Prozess, ein Bäumchen absichtlich mit widrigen Lebensumständen zu quälen, um es zu besonders dekorativ verknorztem Wachstum zu zwingen. Nennt sich "Bonsai".

Die Interpretationen von Herrn Kaul, der die Spaltung des "Altar"-Felsens auf ein Beben von 1626 zurückführen möchte und dieses wiederum mit dem Tertiärvulkanismus in Zusammenhang bringt, kann man getrost in den Fachbereich "Geophantasie" verweisen.

 
"Hochsitz" und "Thron". Es wäre natürlich falsch, jeden Besucher des Druidenhaines gleich als "esoterisch bewegt" einzustufen. Hier sehen wir ein freundliches Wanderer-Ehepaar, dass das wahre Potenzial der Lokalität perfekt erfasst hat: Man findet überall flauschige Sitzplätze und kann dann mit der gebührenden Gemütsruhe diesen Ort auf sich einwirken lassen als das, was er wirklich ist: Nämlich ein liebliches, freundliches, wenn auch meist recht schattiges Stück Natur, in dem das geologische Inventar und ein gewachsener Baumbestand ein romantisches und pittoreskes Plätzchen geschaffen haben.
   
Druidenhain-Impression.

Wer ein wenig die Umgebung erkundet, wird schnell feststellen, dass "Felslabyrinthe" à la Druidenhain (Bild vom "Labyrinth" nach Nordwesten) nicht nur auf den eigentlichen Hain beschränkt sind, sondern sich in der ganzen Umgebung finden lassen.

Die heraus gewitterten Dolomitfelsen der Jurariffe zerlegen sich entlang der in der ganzen Fränkischen Schweiz vorherrschenden Hauptkluftrichtungen, überall wittern einzelne Felspartien - von Klüften erosiv freigestellt - als "Monolithen" heraus.

   
Solche Verwitterungsformen finden sich übrigens nicht nur hier: Überall, wo homogene (die Geologen sagen "massige") Schichtverbände mit tektonischer Beanspruchung von der Erosion heraus präpariert werden, bilden sich Gelände-Formationen in der Art des Druidenhains. Der geneigte Wandersmann wird in der Fränkischen (z.B. in Sansparail) oder auch in geologisch vergleichbaren Strukturen wie der Sächsischen Schweiz "Druidenhaine" ohne Ende finden ...
 
Jungdruiden auf "Shuttle-Felsen". Unser letztes Bild: Ein Monolith südlich des so genannten Labyrinths. Wir können uns hier vorstellen, welche wilden Interpretationen beispielsweise eine Mixtur beschreiben würde, die Phantasien über die kultischen Nachfahren der alten Atlanter mit dem ebenfalls recht weit verbreiteten Ufo- und Prä-Astronautik-Glauben verbinden würde:

Zwei Jungdruiden, die in Wahrheit Abgesandte einer extraterrestrischen Zivilisation sind, haben gerade ihren Shuttle-Felsen von Alpha Centauri gelandet und freuen sich darauf, den Kontakt mit der irdischen Zivilisation zu erneuern ...

 
Das Fazit: Kultstätten im Test

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