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ProjekteKreationisten-Hammer:
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| Wir fragen uns - haben Herr Hübel und seine Glaubensgenossen recht? Sind Paläontologen fachliche Schussel, die stolz mit einem Urpferd-Skelett herumwedeln, aber bei der Frage nach den fossilen Zwischengliedern zum modernen Pferd ins Schwitzen und Stammeln kommen? Gibt es fossile Belege für den Übergang zwischen Arten, lückenlose Belege, also nicht nur Fossilien von "Vorfahr" und "Nachfahr"? Gibt es "den Blick unter Darwins Röckchen", Fossilreihen, die so gut, vollständig und zweifelsfrei dokumentiert sind, dass man eine kontinuierliche Evolutionsreihe belegen kann? Gibt es den ultimativen Beweis, der die zentrale Säule der kreationistischen Parawissenschaft von der Bühne fegt - den Kreationisten-Hammer? <Vorhang auf> Foraminiferen, die Kronzeugen DarwinsDieses Kapitel handelt von Foraminiferen. Foraminiferen Ja, genau, diese kleinen, liebenswerten, sandkorngroßen Einzeller, die üblicherweise im Meer leben und einen wesentlichen Bestandteil des Planktons bilden. Foraminiferen zählen - anders als der mächtige Löwe, der große Elefant oder der listige Zappendudel - nicht zu den prominenten Vertretern des Tierreiches. Historisch Interessierte erinnern sich vielleicht an Herodots Beschreibung, wonach bei den Pyramiden noch die versteinerten Linsen aus dem Essen der Sklaven, die die Pyramiden erbaut haben, herumliegen würden. Diese ovalen Fossilien gibt es tatächlich, allerdings handelt es sich dabei nicht um vertrocknete Hülsenfrüchte, sondern um fossile Nummuliten, einer besonders großen Foraminiferen-Gattung. Foraminiferen sind wenige Millimeter groß und sehen z.B. so aus:
Hübsch, ja - aber was hat das mit Kreationismus zu tun? Nun, Kreationisten sind eine besondere Sorte von Menschen, welche die Bibel (natürlich in ihrer Art der Leseweise) als das einzig wahre Referenzwerk für alles ansehen, also auch für naturwissenschaftliche Fragen. Sie versuchen ihr Weltbild dadurch zu vertreten, dass sie den Faktenwissenschaften Biologie, Geologie und Paläontologie eine eigene Parahistorie gegenüberstellen. Hierbei werden oft Erkenntnisse der Naturwissenschaften aus dem Zusammenhang gerissen (z.B. der Genetik), mutwillig falsch interpretiert (z.B. die Fußspuren am Paluxy River) oder einfach geleugnet (z.B. alle Absolutdatierungen geologischer Schichten). Ein zentrales Dogma des Kreationismus ist: Es gibt keine Evolution, die Paläontologie könne in Wahrheit keine kontinuierliche Entwicklung der Arten und Gattungen belegen, sondern zeige vielmehr eine Entstehung der Arten "aus dem Nichts". Unsere kleinen Foraminiferen haben hierzu auch etwas zu sagen: Der Kreationisten-Hammer(Folgender Beitrag entstand im Frühjahr 2001 als Argumentationshilfe zum Thema. Am Schluss des Kapitels bieten wir eine ZIP-Datei zum Download an, die aus zwei TIF-Dateien und dem nachfolgenden Text besteht. Die TIF-Dateien sind so konzipiert, dass sie auf Folie ausgedruckt - seitenfüllend, DIN A4 - als Overhead-Folien verwendet werden können.) GWUP-Regionalgruppe Bamberg: Paläontologischer Beweis für eine kontinuierliche Evolution.1 GRUNDWISSEN 1.1 Worum geht es? Seitens christlicher Fundamentalisten ("Kreationisten") wird oft behauptet, dass es keine Belege für eine kontinuierliche Evolution im Sinne Darwins gäbe. 1.2 Problem der Fossilüberlieferung Tatsächlich ist die Fossilüberlieferung bei Landlebewesen (Vormenschen, Sauriern etc.) sehr lückenhaft, so dass die Zwischenformen, die einen kontinuierlichen Übergang von Art X zu Art Y belegen würden, meist fehlen. Das liegt daran daran, dass Landlebewesen nur unter extrem günstigen Umständen fossil überliefert werden, wie in Seesedimenten (z.B. Grube Messel), in verstürzten Höhlen und Erdspalten (z.B. Tertiärfauna in Süddeutschland). Tote Landlebewesen werden üblicherweise biologisch völlig zersetzt, eventuelle Überreste werden mit der Erosion der Landoberfläche zerstört. Anders die Meeresfauna: Hier gibt es oft die Situation, dass in bestimmten Bereichen des Ozeans kontinuierlich Sedimente am Meeresboden abgelagert werden, in die Schicht für Schicht die Kadaver der Fauna eingebettet sind. In solchen Sedimentpaketen wird dann eine kontinuierliche Zeitabfolge überliefert. 1.3 Biostratigraphie mit Leitfossilien Paläontologen datieren geologische Schichten mittels Leitfossilien. Das sind Fossilien, von denen man aus den bereits erforschten Gesteinsschichten exakt weiss, von wann bis wann sie gelebt haben. Findet man ein derartiges Leitfossil in einer Gesteinsschicht, kann man damit das Entstehungsalter des Gesteins angeben. (Fossilien können natürlich durch Erosion aus ihrem ursprünglichen Gesteinsverband herausgelöst und in jüngeren Sedimenten erneut abgelagert werden. Daher können solche Leitfossilien unter bestimmten Umständen in jüngeren Schichten auftauchen, niemals jedoch in älteren. Fachleute können im Regelfall solche sekundären Umlagerungen erkennen.) Ein gutes Leitfossil zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:
1.4 Variationsstatistik Eine Art wird nicht allein über das Aussehen eines einzelnen Exemplars definiert (Erstbeschreibung einer neuen Art anhand eines einzelnen Individuums, dem "Holotyp"), sondern ebenso wichtig ist die statistische Erfassung, wie weit ein besonderes (Bestimmungs-)Merkmal innerhalb einer Population variiert. Wenn man zum Beispiel von einer Population des Jetztmenschen das - allerdings sehr unwichtige - Merkmal "Körpergröße" vermessen würde, ergäbe sich z.B. folgendes Bild:
Diese Kurve zeigt die Verteilung des Merkmals "Körpergröße" mit einem Maximum bei 165 bis 175 cm, die Flanken dieser Kurve reichen etwa von 150 bis 210 cm. Einzelne Individuen, bei denen das Merkmal "Körpergröße" noch außerhalb dieses Bereiches liegt sind so selten, dass sie statistisch unerheblich sind. Das Merkmal "Körpergröße" ist zwar sehr anschaulich, aber genauso wie die Lebenserwartung stark ökologisch gesteuert (je besser die allgemeinen Lebensumstände, desto größer bzw. länger) und daher zur Artdefinition schlecht geeignet. Vergleicht man z.B. Schimpansen und Menschen, kann man mit solchen Verteilungskurven sehr gut die Unterschiede in bestimmten Merkmalen (Hirnschalenvolumen, Neigung der Gesichtsfläche, Proportionen in der Ausbildung von Kinn- und Stirnpartie etc.) darstellen. Der berühmte Satz, dass ein Neandertaler im Anzug auf New Yorker Straßen nicht auffallen würde, zeigt pointiert die Breite der Merkmalsvariationen der einzelnen Menschenarten. 2 PALÄONTOLOGISCHE GRUNDLAGENFORSCHUNG: Beispiel Brunhilde Grabert, 1959 GRABERT, B. (1959): Phylogenetische Untersuchungen an Gaudryina und Spiroplectina (Foram.) besonders aus dem nordwestdeutschen Apt und Alb.- Abhandlungen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, 498, pp. 1-71, 27 Abb., 3 Tab., 3 Taf., Frankfurt a. Main. Eine zwar schon ältere, aber fachlich und methodisch sauber gemachte Untersuchung zu Variationsstatistiken bei Foraminiferen der mittleren Kreidezeit. Foraminiferen sind Einzeller, die einen großen Teil des Meeresplanktons stellen. Da sie kleine Kalkgehäuse bilden, sind sie fossil gut überlieferungsfähig. Aufgrund ihrer globalen Verbreitung und ihrer relativ hohen Evolutionsrate sind sie eine wichtiges Leitfossil. In der Arbeit wurde aus zahlreichen Bohrungen (Bohrkernen) eine insgesamt vollständige und ungestörte Schichtenfolge untersucht, die über sieben Millionen Jahre in der mittleren Kreidezeit umfasst. Das Profil durch das gesamte Sedimentpaket reicht über 500 laufende Meter Bohrkerne; hieraus wurden in vielen Einzelproben die Foraminiferen untersucht. Jede Einzelprobe repräsentiert somit die Situation zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, die Abfolge dieser Einzelproben zeigt die zeitliche Entwicklung.
Es wurden insgesamt 18.000 Stück (Individuen) einer bestimmten Sorte von Foraminiferen untersucht; diese stammten aus 60 Populationen. Alle wurden sorgfältig vermessen ("Biometrie"). Hierbei stellte sich heraus, dass das Merkmal "Anzahl der Kammern im Gehäuse" sehr gut zur Bestimmung der Arten geeignet war. Da ja nicht alle Mitglieder einer Population gleich aussehen, wurden in jeder Einzelprobe (= "Zeitscheibe") eine gewisse Variationsbreite des untersuchten Merkmales beobachtet. Diese Variationskurven zeigen entsprechend immer das Maximum und die "Breite" des Merkmals zu dieser Zeit. Wenn man die einzelnen Kurven kulissenartig hintereinander stellt, erkennt man die kontinuierlichen Veränderungen des Merkmals in der Zeit: Mal pendelt das Maximum der Kurve hin und her, mal bleibt es über einen längeren Zeitraum exakt gleich. Ebenso ändern sich die Flanken der Kurven: Mal ist die Kurve sehr schmal, d.h. die Population ist in dieser Zeit sehr gleichförmig ("Die inzüchtigen Eingeborenen von Hintertupfing schauen alle so gleich aus ..."). Zu einem anderen Zeitpunkt laufen die Flanken weit aus, die Varianz des Merkmals ist in dieser Zeit sehr breit ("der bunte Bevölkerungsmischmasch von New York"). Weiterhin kann man das Aussterben beobachten (Kurvenfläche geht gegen Null und verschwindet), die Veränderung einer Art (Kurve verlagert sich deutlich) und sogar das Entstehen neuer Arten durch Aufspaltung einer bestehenden Stammlinie (aus einer Kurve werden zwei, die auseinanderdriften). 3 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN FOLIEN 3.1 Folie 1 Die Folie zeigt im Diagramm links oben die "Kandidaten".
Solche Diagramme sind die übliche Darstellung von Leitfossilien: Sie zeigen die zeitliche Reichweite der einzelnen Art (schwarze Balken). Hierbei wird unterschieden zwischen:
Die wichtigsten Leitfossilen in dieser Zeit sind die Cephalopoden (Ammoniten). Daher wird die Feingliederung der Zeit hier über "Cephalopoden-Zonen" angegeben.
Im Diagramm oben (auf der Folie 1: unten) ist der größte Teil der untersuchten Populationen zusammenfassend dargestellt: Die Auswertung umfasst 14.231 Individuen, 22 "Zeitscheiben" mit 28 verschiedenen Populationskurven (auf einigen Zeitscheiben sind die Kurven verschiedener Ausbreitungsgebiete mit unterschiedlicher Entwicklung der Foraminiferen zusammengespielt, z.B. die Kurven mit der weiten Schraffur). Schon in dieser Darstellung kann man die wichtigsten Veränderungen erkennen: Untere Hälfte (Unter Apt bis einschließlich Unter-Alb): Der "Stammvater" der hier untersuchten Arten mit wenigen Kammern findet sich links (schwarze Kurven), davon zweigen Seitenlinien ab (schraffierte Kurven). In der oberen Hälfte (Mittel-Alb bis Ober-Alb) stirbt die Linie des "Stammvaters" aus. Es entstehen neue Arten, die Abstammungslinie verzweigt sich (zwei Einzelkurven nebeneinander, die jeweils ein eigenes Maximum haben). In den jüngsten Zeitscheiben ganz oben entsteht eine weitere Art mit sehr vielen Kammern (oben rechts). Die Kurve dieser letzten Art ist recht klein, da hier im untersuchten Material nach Masse (Anzahl der Individuen) noch die beiden älteren unter den Jungarten dominieren. 3.2 Folie 2 Hier sind die einzelnen Variationskurven - die "Zeitscheiben" - zu einem dreidimensionalen Raumdiagramm verschmolzen:
Die untersuchten Foraminiferen sind nochmal groß abgebildet, damit man die Unterschiede zwischen den einzelnen Arten deutlich sehen kann. Man vergleiche z.B. den "Stammvater" Gaudryina dividens (unten links) aus dem Ober-Apt (klein, gedrungen) mit der grazilen "Urenkelin" Spiroplectinata bettenstaedti aus dem Ober-Alb (oben rechts). Das Diagramm ist wie die Zusammenstellung der Kurven auf der ersten Folie aufgebaut:
Interpretation der Kurven: Die Evolution ist eine zeitliche Entwicklung, daher wird das Diagramm vom Älteren (unten) zum Jüngeren hin (oben bzw. hinten im Raumdiagramm) interpretiert. Es beginnt ganz links unten am Rand die ursprüngliche Stammlinie - Gaudryina dividens - die dann an der Basis des Mittel-Alb ausstirbt (Ende der sehr steilen Kurve am linken Diagrammrand). Von dieser "Stammlinie" am linken Rand der Grafik zweigt eine Teilpopulation ab: Ab Mitte Ober-Apt tummelt sich eine "progressive" Variante ("Subspezies") der Gaudryina dividens (unten Mitte links, der Ast, der recht unentschlossen hin und her pendelt), die dann Ende Unter-Alb in die Gattung Spiroplectinata lata übergeht (der Rücken des Asten scheint hier nach links zu hüpfen). Die neu entstandene Spiroplectinata lata hat zwar ihr Maximum stark links in der Darstellung, verfügt jedoch über eine auffallend breite Variationskurve (man beachte die flachen, aber weiten Ausläufer nach rechts). An der Basis des Mittel-Alb geht die (hiermit aussterbende) Spiroplectinata lata in zwei sich getrennt entwickelnde Arten über: Spiroplectinata annectens ist der steile Ast links, Spiroplectinata complanata der breite Buckel in der Bildmitte. Ganz am Schluss (Basis Ober-Alb) zweigt von der Spiroplectinata complanata-Linie eine neue, noch komplexere Art ab, die Spiroplectinata bettenstaedti, das ist der kleine Zipfel ganz rechts oben. 3.3 Schlusswort Wichtig: Die Veränderungen sind hier kontinuierlich über eine durchgehende Abfolge zu beobachten. Gerade bei den größeren Landlebewesen (Dinosaurier, Urpferde, Vormenschen etc.) fehlen meist sehr viele Zwischen- und Übergangsformen (d.h. sie wurden aufgrund der schlechten Fossilüberlieferung nicht gefunden). Während die einzelnen Übergänge, z.B. bei der Entwicklung "Australopithecus -> Homo sapiens", für einen Fachmann gut erkennbar und nachvollziehbar sind, werden die Einzelfunde von Kreationisten gerne zu isolierten Arten ohne evolutionären Zusammenhang erklärt: Üblicherweise werden alle menschenähnlichen Vormenschen zu "missgebildeten Homo sapiens", alle weniger menschenähnlichen Vormenschen zu "ausgestorbenen Affen" deklariert. Variationsstatistik lässt sich umso besser betreiben, je mehr Daten (Exemplare der untersuchten Arten) vorhanden sind. Wie würde eine vergleichbar gute Datenbasis z.B. beim Homo sapiens und seinen Vorfahren aussehen? Man stelle sich vor: 18.000 Vormenschenskelette, eine zeitliche Reichweite von über sieben Millionen Jahren umfassend - alle soweit vollständig, dass sie vermessbar sind, alle in einem Ablagerungsraum, alle so in den Gesteinsschichten liegend, dass man sie genau zeitlich einordnen kann. Mit dem heutigen Wissen und den heutigen Methoden wäre das Zusammentragen einer so guten Datenbasis aussichtslos. (Die Paläoanthropologen der Zukunft werden sicher große Fans von Zentralfriedhöfen werden ... ;-) -- Kreationisten sind ein Hobby der Evolution. Hier können Sie die Datei kreationisten-hammer.zip (ca. 285 KB) mit den erwähnten Folien und dem dazugehörigen Text (pdf-Dokument) downloaden. (Ich danke Prof. Dr. J. Th. Groiß, M. Pössel und Dr. U. Stammberger für Anregung, Motivation und Korrektur.) |
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