| Vorwort und 1. Kapitel "Ich will den
Menschen lieber auf Grund meiner Naturerkenntnis offen verkünden,
was ihnen dienlich ist, auch wenn es keiner begreift, als unter Zustimmung
zum Unsinn den brausenden Beifall der Menge auf mich lenken." (Epikur)
Vorwort
Unser Leben ist voller Vermutungen und Behauptungen: Gibt es den Osterhasen?
Ist die Erde eine flache Scheibe? Ist noch Senf im Kühlschrank? Warum
häufen sich einzelne Socken in meinem Schrank und wohin verschwanden
ihre Sockengeschwister?
Wenn Sie sich "gemäß dem Erscheinenden und nach den väterlichen
Sitten" mit diesen Aussagen beschäftigen (wie Pyrrhon aus Ellis,
den wir später in diesem Buch kennen lernen werden, empfahl), liegen
die Antworten auf der Hand: Den Osterhasen gibt es denn Ihre Eltern
sagen, dass es ihn gibt. Die Erde ist eine flache Scheibe, denn so erscheint
sie ja zweifelsohne. Wenn Sie glauben, dass noch Senf im Kühlschrank
ist, dann ist noch Senf im Kühlschrank. Und die Socken verschwinden
einfach ins Nichts, basta!
Wenn Sie jedoch nicht dem ersten Eindruck und dem Althergebrachten folgen,
dann fangen Sie an, kritisch zu denken. Dieses Buch kann Ihnen dabei helfen.
"Normalerweise" machen Sie sowieso den ersten Schritt in Richtung
aufs kritische Denken: Sie glauben nicht einfach, dass noch Senf im Kühlschrank
ist, Sie sehen nach, ob es sich so verhält. Wenn Sie aber nicht dem
ersten Augenschein folgen, sondern genauer nachsehen, dann sind Sie ein
Skeptiker. Ein Skeptiker glaubt nicht einfach, er prüft.
Oft sind die Vermutungen und Behauptungen von großer Bedeutung für
unser Leben. Beim Senf ist es meistens belanglos, ob Sie sich über
sein Vorhandensein im Kühlschrank täuschen oder nicht. Hier
genügt der erste Eindruck, das Kurz-mal-Nachsehen, denn wenn Sie
sich täuschen, sind die Folgen relativ unbedeutend (z.B. ein fades
Wurstbrot). Erstaunlicherweise nehmen Menschen aber auch bei schwerwiegenden
Entscheidungen oft nicht die Mühe des kritischen Denkens auf sich.
Bei der Entscheidung, mit welcher Therapie sie sich behandeln lassen,
folgen sie dem nur schlecht begründeten Rat eines Bekannten ("Bei
mir hat das geholfen"). Wenn sie für viele tausende Mark einen
Brunnen bohren lassen, verlassen sie sich auf den Ausschlag einer Wünschelrute.
Wenn sie mit ihren Kinder nicht zurechtkommen, geben sie sie irgendjemandem,
der meint, er könne durch Bewegungsübungen die "Energieströme"
der Kinder neu ordnen. Ohne sich zu erkundigen, was an diesen Methoden
"dran" ist, ohne zu prüfen, was "Sache ist"!
Dieses Buch kann Ihnen dabei helfen, richtige Entscheidungen zu treffen.
Skeptisches Denken ist aber nicht nur nützlich, es macht auch Spaß.
Von vielen Behauptungen, die ich Ihnen hier vorstelle, werden Sie nicht
glauben, dass jemand sie im Ernst vertritt: Dass es eine antike Mars-Zivilisation
gab, dass regelmäßig Menschen von Außerirdischen entführt
werden und dass Gott geheime Botschaften im Text der Bibel versteckt hat.
Trotzdem werden sie fair geprüft werden. Zudem erfahren Sie bei der
Prüfung von Behauptungen viele Dinge, die "gut zu wissen sind",
z.B. was Hypnose wirklich ist und welchen optischen Täuschungen und
Denkfehlern wir alle immer wieder erliegen.
Dieses Buch ist aber auch ein Lehrbuch: Wenn Sie es durcharbeiten, sollten
Sie danach besser in der Lage sein, zweifelhafte Behauptungen zu prüfen.
Wenn Sie es als ein Lehrbuch benutzen wollen, versuchen Sie die ab und
an auftauchenden Fragen an den Leser zunächst selbst zu beantworten.
Machen Sie sich Notizen und benutzen Sie dieses Buch denn nur durch
aktive Auseinandersetzung lernt man wirklich.
1. Jeder kann sich mal irren ...
Haben Sie schon einmal etwas geglaubt, von dem sich nachher herausstellte,
dass es falsch war?
Sicher haben Sie schon einmal etwas geglaubt, von dem Sie nun wissen,
dass es nicht stimmt. Das kann etwas ganz Banales sein (dass Kalkutta
am Ganges liegt), etwas sehr Abstraktes (dass alle mathematischen Probleme
lösbar sind), etwas, das Sie in Ihrer Kindheit geglaubt haben (dass
es einen Osterhasen gibt) und vieles anderes.
Dies ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aller möglichen Irrtümer.
Man kann sich über fast alles täuschen, und einige Irrtümer
sind so verbreitet, dass sie sogar in ein Lexikon - das "Lexikon
der populären Irrtümer" - Eingang gefunden haben. Walter
Krämer und Götz Trenkler (1996) listen hier Irrtümer aus
allen möglichen Fachgebieten auf: Medizin, Statistik, Ernährung,
Wirtschaft, Geschichte und andere mehr. Die Idee, einmal alle Irrtümer
zu sammeln, ist auch gar nicht so neu: Adolf Brodbeck verfaßte bereits
1893 eine Art "Lexikon der populären Irrtümer", nämlich
"Die Welt des Irrthums. Hundert Irrthümer aus den Gebieten der
Philosophie, Mathematik, Astronomie, Naturgeschichte, Medicin, Weltgeschichte,
Aesthetik, Moral, Socialwissenschaften, Religion". Auch er sieht
bereits eine Zunahme des Unwissens und schreibt daher im Vorwort: "Häufiger,
als je früher, finden wir, dass Jemand in einem oder einigen Gebieten
zuhause ist, dabei aber in anderen Gebieten noch alten Irrthümern
huldigt". Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind seine Richtigstellungen
auch nach heutigem Kenntnisstand noch zutreffend, ja man muss bemerken,
dass so mancher "Irrthum" noch heute verbreitet ist: "Es
ist ein Irrthum zu meinen, dass kalte Waschungen und kalte Bäder
für jedermann gut seien" (S. 46).
Sie sehen, die Anzahl der Möglichkeiten, sich zu täuschen,
ist fast unendlich. Und vermutlich ist ein großer Teil dessen, was
wir zu wissen glauben, falsch. Wenn Sie mir bis jetzt folgen und mir eingestehen,
dass es möglich ist, sich zu irren, dann können wir beginnen:
Irgendwann einmal kamen Sie dazu zu bemerken, dass die Dinge sich nicht
so verhalten, wie Sie es sich bis dahin dachten.
Wie fanden Sie heraus, dass es falsch ist?
Sie haben neue Informationen erhalten, indem Sie eigene Erfahrungen oder
Beobachtungen gemacht haben oder indem Sie an den Beobachtungen oder Erfahrungen
anderer teil hatten. Zum Beispiel haben Sie Ihren Vater erwischt, wie
er die Ostereier im Garten versteckt hat. Oder Sie haben auf der Landkarte
gesehen, dass Kalkutta gut 100 km vom Ganges entfernt liegt. Und so weiter.
Meistens haben Sie vermutlich nicht bewusst versucht, ihre bisherige
Überzeugung (der Osterhase bringt die Ostereier, Kalkutta liegt am
Ganges) zu hinterfragen, sondern Sie sind mehr oder minder zufällig
über die Wahrheit gestolpert.
In vielen Fällen ist es vollkommen unwichtig, ob das, was Sie zu
wissen glauben, auch wahr ist. Jedenfalls solange keine wichtigen Entscheidungen
anstehen. Ob Kalkutta wirklich am Ganges liegt oder nicht, könnte
z.B. dann für Sie wichtig werden, wenn Sie ein Kanufahrt auf dem
Ganges planen, die in Kalkutta enden soll (Ich weiß nicht, ob Kanufahrten
auf dem Ganges anzuraten sind. Ich stelle mir den Ganges als eine ziemlich
dreckigen Fluss vor. - Aber vielleicht täusche ich mich ja darüber).
Und ich muss zugeben, dass ich es irgendwie befriedigend finde, wenn das,
was ich zu wissen glaube, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wahr ist,
auch wenn aktuell keine Entscheidung ansteht. Wenn es Ihnen ähnlich
geht, dann sollten Sie sich jetzt folgende Frage stellen:
Was aber ist der optimale Weg, das, was Sie zu wissen glauben, zu
überprüfen?
Sie können gezielt Informationen suchen, z.B. in einem Lexikon nachschauen,
einen Inder aus Kalkutta fragen, sich Bücher über höhere
Mathematik besorgen usw. Sie könnten sich auch schon vorher überlegen,
was der Fall sein muss, um Ihre Annahmen zu bestätigen.
Nach Aristoteles ist Wahrheit die Übereinstimmung einer Behauptung
mit einem Sachverhalt (mit der Realität). Wenn Sie wissen wollen,
ob etwas wahr ist, dann stellen Sie gewissermaßen Fragen an "die
Welt da draußen".
Was müsste der Fall sein, damit Sie eine Aussage als "wahr"
oder "richtig" akzeptieren könnten?
Und die Welt gibt Ihnen Antworten: Was erwarten Sie von diesen Antworten,
wie müssen diese aussehen, damit sie für Sie "wahr"
sind? Genügt es Ihnen, dass sie von "einem Professor" stammen
oder dass sie in einem Buch stehen? Was gehört noch zum "Wissen",
dass etwas "wahr" ist?
Dass in Büchern nicht immer die Wahrheit steht, ist ja bekannt.
Und auch Professoren und andere Autoritäten können sich irren:
Vielleicht haben sie es selbst nur gehört, vielleicht haben sie nur
bei jemandem abgeschrieben, der es selbst nicht genau wusste. So ist z.B.
die - irrige - Annahme, Spinat sei besonders eisenhaltig, auf eine falsch
gesetztes Komma in einer wissenschaftlichen Publikation zurückzuführen.
Spätere Autoren übernahmen den Tippfehler.
Offenbar genügt es nicht, dass eine Aussage von einer Autorität
stammt, damit sie "wahr" wird. Wir kommen anscheinend nicht
umhin, die Übereinstimmung der Behauptung mit der Realität selbst
zu prüfen. |